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Der volkstümliche Bach

Wechmar rüstet sich für die Veit-Bach-Festspiele. Ein Probenbesuch mit musikalischem Clou

Thüringer Allgemeine (Gotha) Wolfgang Hirsch


Intensiv proben die Darsteller vor der Premiere der Festspiele das Drama „Vitus Bach und der Anfang zur Musik“.

Wechmar.

Die Welt scheint noch in Ordnung im kleinen Wechmar bei Gotha. Nur die Kirche ist geschlossen – wegen Theaterproben, heißt es an der Tür. Da bahnt sich was an: Ganz Wechmar feiert am Wochenende die ersehnten Veit-Bach-Festspiele, mit dem Kirchlein St. Viti als Schauplatz. Vereint fiebern die Leute dem Ereignis entgegen. Auf der geräumigen Bühne im Altarraum sitzen Herren am Biertisch und fachsimpeln über Musik. Der eine entpuppt sich als Orgelbauer Silbermann, ein anderer als Verleger Breitkopf. Beider Idol heißt Bach; aber wo ist er bloß, das Genie Johann Sebastian? – „Hat sich hinter der Orgel versteckt“, raunt Regisseurin Aniela Liebezeit. Sie muss sich jetzt aufs Spiel konzentrieren, denn gleich hat Faustina, die Wirtin in Auerbachs Keller, ihren Auftritt mit dem „Leipziger Allerlei“-Song. Und schon swingt die Kirche. So mancher der zwei Dutzend Zaungäste wippt die Fußspitzen im Takt:

„Vitus Bach und der Anfang zur Musik“ ist das uraufzuführende Drama betitelt, und dem Autor, der sich so gar nicht in den Vordergrund spielt, ist ein famoser Musik-Coup geglückt: Knut Kreuch, den man beruflich als Gothaer Oberbürgermeister kennt, ein gebürtiger Wechmarer und seit 40 Jahren Vorsitzender des Heimatvereins, hat für die Musikeinlagen Christian Bruhn („Marmor, Stein und Eisen bricht“) als Komponisten gewonnen. Honorarfrei. Zum Spaß! Bruhn (87) lässt es krachen, seine Pop-Songs gehen ins Blut. „Joi, joi, joi!“Wenn der Chor das Ungarnlied intoniert, ist kein Halten mehr. Beim Kinderlied mit Ohrwurmqualitäten kann jeder mitsingen. Sogar der große Bach selbst, der nun auf der Empore erscheint: Kreuch.


Bärbel und Knut Kreuchg sind auch von der Partie

„Bruhn hat mich gelehrt, was melodische Texte sind“, wird er später im Gespräch erklären. Der für kernige Auftritte bekannte Kommunalpolitiker hält die Fäden zusammen, lässt das euphorisch beseelte Volksschauspiel aber als Gemeinschaftserlebnis passieren. 40 Darsteller bilden die tapfere Laienspielschar, dazu Chor, Trachtentanzgruppe, Studnitzmäuse und Mühlenpfeifer nebst all den helfenden Händen, die für Kulissenmalerei, Bühnenbau und -technik gesorgt haben. Anita Häusner, als Bogumila gecastet, trägt die Verantwortung für die Ausstattung mit historischen Gewändern aus dem Kostümverleih. Sie macht zum fünften Mal bei den seit 2004 alle vier Jahre programmierten Festspielen mit. „Ist schon ‘ne Strapaze“, berichtet sie über die Endprobenphase: Abend für Abend drei Stunden Konzentration. Und die Musik? Grit Schack alias Faustina lacht, sie sang Bruhn am Telefon vor – und kriegte die Partie. Mit Leib und Seele sind alle dabei. Martin Müller Schmied hat sich sogar eine historische Zither aus Markneukirchen besorgt, um Vitus Bach tonecht zu verkörpern. Um ihn, den legendären Wechmarer Stammvater der Bach-Sippe, geht’s in dem Spiel. Dass er mit seinem Ururenkel zugleich auftritt, sei halt „der Anspruch ans Publikum“, kommentiert Autor Kreuch. Sein Stück rangiert zwischen Historiendrama und Musical, hat Witz und Tempo und lässt auch ernste Themen – Geflüchtetenschicksale zum Beispiel – beiläufig anklingen. Zwei Mal wird kommendes Wochenende vor Publikum gespielt. Wichtiger als der Spaß ist aber der Subtext der Festspiele: Wie gut der Zusammenhalt in Wechmar doch funktioniert! Schöne, kleine Welt …

Freitag, 9. und Samstag, 10. September, 19.30 Uhr, St.-Viti-Kirche, Wechmar. Tickets unter 0361/2275227 oder unter www.ticketshop-thueringen.de

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